Seltene Risiko-OP rettet Patienten am Helios Amper-Klinikum das Leben

Patient Robert Kraut (M.) mit dem Team des Helios Amper-Klinikums Dachau: Chefarzt Professor Axel Kleespies (2.v.r), Anästhesie-Chefarzt Dr. Maximilian Rist (r.), Leitender Oberarzt Bernhard Klein und die behandelnde Onkologin Dr. Katrin Schweneker. © Helios

Ein Jahr lang leidet Robert Kraut unter höllischen Schmerzen im Bauchraum. Die Ursache ist ein versteckter Tumor der Bauchspeicheldrüse, der aufgrund seiner Lage eigentlich als inoperabel gilt. Die einzige Überlebenschance für den Patienten ist eine äußert seltene und extrem risikoreiche OP: die Appleby-Operation. Chefarzt Professor Axel Kleespies übernimmt.

Es fing recht harmlos an. Robert Kraut fühlte einen Schmerz im Bauchraum, den er sich nicht erklären konnte. Der Hausarzt ordnete verschiedene Untersuchungen an: Die Blutwerte waren in Ordnung, die Darmspiegelung zeigte keinen auffallenden Befund. Doch die Schmerzen blieben und wurden stärker. In der Computertomographie ergab sich schließlich der Verdacht auf einen Bauchspeicheldrüsentumor.

Über seinen Hausarzt wurde Herr Kraut an das Cancer Center des Helios Amper-Klinikums Dachau vermittelt. Chefarzt Professor Axel Kleespies gilt aus ausgewiesener Experte für die Bauchspeicheldrüse, auch Pankreas genannt, er leitet das Pankreaszentrum. Dort musste er dem Patienten die niederschmetternde Diagnose überbringen: Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine besonders aggressive Form des Krebses. „Die Computertomographie zeigte, dass der Tumor die zentrale Oberbaucharterie ummauerte und dadurch die starken Schmerzen verursachte“, so Professor Kleespies, Chefarzt für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Onkologische Chirurgie. „Dieser Befund gilt gemeinhin als inoperabel.“ Der Hoffnungsschimmer: „Der Tumor hatte noch nicht gestreut, es zeigten sich keine Metastasen in Leber, Lunge oder Bauchfell.“

*Lebenserwartung: Nur noch wenige Monate*

Um das Leben seines Patienten zu retten, sah er nur eine einzige Chance: „Wir mussten den Tumor mit einer sehr komplexen und umfangreichen Operation radikal angehen.“ Patient Kraut fasste Vertrauen: „Professor Kleespies war immer offen und ehrlich, er hat mir alles gut und anschaulich erklärt. Ich fühlte mich bei ihm in den besten Händen.“ Der Krebsexperte erläuterte ihm den Sinn einer vorgeschalteten Chemotherapie: Sie sollte den Tumor zunächst verkleinern oder die Tumorzellen weitgehend abtöten, damit die OP langfristig wirken kann und der Krebs möglichst nicht wiederkehrt. Robert Kraut war klar: „Wenn ich das Risiko nicht eingehe, habe ich vielleicht noch zwei Monate zu leben.“ Der 58-Jährige willigte in das Vorgehen ein.

Doch auch nach sechs Chemotherapie-Zyklen über drei Monate hinweg wurde der Tumor nicht kleiner – es zeigten sich aber auch keine weiteren Metastasen. Im Tumorboard, in dem sich Experten aus verschiedenen Fachrichtungen regelmäßig treffen, wurde der Fall mehrfach diskutiert. Dann die Entscheidung: eine zusätzliche Strahlentherapie. Nun schrumpfte der Tumor endlich doch etwas und streute glücklicherweise immer noch nicht. „Zu diesem Zeitpunkt haben wir gemeinsam entschieden, die Operation zu wagen“, berichtet Kleespies.

Sechs Stunden lang dauerte die OP. Das Pankreaskarzinom lag ungünstig, es ummauerte eine zentrale Hauptschlagader, die alle Organe des oberen Bauches, also Magen, Milz, Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse, mit Blut versorgt. „Die radikale Entfernung des Blutgefäßes war nur ein Teil der Operation“, blickt Kleespies zurück. „Wir mussten auch alle davon abhängigen Organe wie Milz, Magen, den Bauchspeicheldrüsenkörper und den -schwanz entfernen. Diese wären ohne Durchblutung abgestorben. Das machte die OP um ein Vielfaches aufwändiger.“ Doch die größte Herausforderung war: „Wie entferne ich die Hauptschlagader, die die Leber versorgt, ohne dass die Leber nicht mehr durchblutet wird?“, so Kleespies. „Die Leber musste erhalten bleiben.“

*Chirurgischer Kunstgriff: Umkehr des Blutflusses zur Leber*

Er wählte einen chirurgischen Kunstgriff, der nur sehr selten eingesetzt wird: Die Appleby-OP ist äußerst risikoreich mit dem denkbar höchsten Schwierigkeitsgrad für den Chirurgen, der in diesem Fall den Blutfluss zur Leber umlenken musste. Die Leber-Arterie hat kurz vor ihrer Einmündung in die Leber einen kleinen Seitenast, der zum Zwölffingerdarm abgeht. Kleespies unterbrach vor diesem Seitenast die Blutversorgung zur Leber und leitete den Blutfluss in die Zwölffingerdarm-Arterie. „Dadurch wird die Leber nicht mehr direkt von der Leber-Arterie, sondern rückwärts von der Darm-Arterie über den Zwölffingerdarm versorgt“, erklärt er.

Die Operation verlief erfolgreich. Dank seiner positiven Einstellung und seiner hohen Motivation konnte Herr Kraut bereits elf Tage nach der großen Operation nach Hause entlassen werden und erholt sich nun von den Strapazen. „Ich bin dem ganzen Team von Herrn Professor Kleespies unendlich dankbar, alle haben sensationell gearbeitet.“ Derzeit gehe es ihm „einigermaßen gut“, der Heilungsprozess ist langwierig. „Ich muss dringend an Gewicht zulegen.“ Der 1,80 Meter große Mann wiegt derzeit nur noch 52 Kilo. Bald steht sein nächster Termin mit Professor Kleespies an, dann wird die weitere Behandlung und Nachsorge besprochen.