„Nur auf Beerdigungen und beim Zwiebeln schneiden wird mehr geweint“

Quelle Privat

Eine Stimme aus Bayern ging um die Welt – 16 Tage live aus Cortina d’Ampezzo: Der gebürtige Münchner Gerhard Willi Willmann war Bahnsprecher und Moderator bei den Olympischen Spielen für Rennrodeln, Skeleton und Bob

23.02.2026 – Wenn im Eiskanal Hundertstel- oder sogar Tausendstelsekunden über Gold oder Tränen entscheiden, braucht es eine Stimme, die diese Momente trägt. Bei den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo war es eine aus Deutschland: Gerhard Willi Willmann war offizieller Bahnsprecher für Rennrodeln, Skeleton und Bob. Er kommentierte nicht nur die Läufe, zusammen mit einer Kollegin aus Italien, sondern moderierte auch sämtliche Siegerehrungen mit insgesamt 19 deutschen Medaillen – alles auf Englisch. Zwischen Adrenalin, Präzision und Emotionen begleitete er Athletinnen und Athleten durch ihre größten Augenblicke. Im Interview blickt der 57-Jährige zurück auf mehr als zwei Wochen Ausnahmezustand, auf unvergessliche Läufe und auf die besondere Verantwortung, Olympia in die Welt hinauszutragen, und macht deutlich, warum Deutschland den Mut haben sollte, wieder Olympische Spiele auszurichten.

Hinfahren und Loskommentieren – so einfach ist es vermutlich nicht, als Bahnsprecher und Moderator, den neben den Zuschauern vor Ort hunderte Millionen Menschen weltweit im Hintergrund hören, und der keine Fehler machen darf. Wie haben Sie sich auf 16 Tage Proben und Wettkämpfe vorbereitet?

Für Olympische Spiele gilt, was für alle Veranstaltungen gilt: Vorbereitung ist alles. Das ist die Arbeit, die nie einer sieht. Als offizieller Sprecher, auf Englisch, war ich neutral, aber ich habe im Vorfeld natürlich mit den deutschen Bundestrainern – Patric Leitner für Rodeln, Christian Baude für Skeleton und René Spies für Bob – gesprochen, um die Tücken der Bahn zu kennen und zu lernen, worauf es in welcher Kurve für die Sportlerinnen und Sportler ankommt.

Wie fühlt sich der erste Live-Satz an – im Vergleich zum letzten nach 16 Tagen?
Ich bin nie nervös, wenn ich vor ein Mikrofon trete, aber fokussiert. Insofern war der Unterschied zwischen dem ersten und dem letzten Satz gar nicht so groß, wobei: Das erste Mal bei Olympischen Spielen den Mund aufzumachen, war dann doch etwas Besonderes. Sie haben auf Englisch kommentiert, Ihre Co-Kommentatorin auf Italienisch.

Wie funktioniert die Abstimmung während eines Laufs?
In den Proben haben wir uns kurz am Arm angestupst, aber schon am ersten Wettkampftag wusste jeder, wann der andere aufhört, und so haben wir uns nur sehr selten überschnitten. Sie haben auch alle Siegerehrungen für Rennrodeln, Skeleton und Bob moderiert.

Welche hat Sie am meisten bewegt?
Wichtig war jede einzelne Siegerehrung, weil Siegerehrungen für die Sportlerinnen und Sportler ein
heiliger Moment sind, den sie nie vergessen werden. Besonders bewegt hat mich vermutlich die
letzte Siegerehrung im Viererbob, weil der Wettkampf der letzte von Johannes Lochner war, dessen
Karriere ich als Sprecher quasi vom ersten Moment an begleiten durfte.

Wenn Sie einen einzigen Moment dieser Spiele konservieren könnten – welcher wäre es?
Die Erleichterung nach der ersten Siegerehrung für Rodler Max Langenhan, weil alles geklappt hat. Man will diese Ehrung für die Sportler vor einem vermutlich dreistelligen Millionenpublikum an den Fernsehern würdig gestalten und auf keinen Fall etwas falsch machen. Das hat da und auch bei allen anderen Siegerehrungen Gott sei Dank geklappt.

Als Hörfunk-Reporter hatten Sie bereits drei Olympische Spiele begleitet.

Wie hat sich Ihre Arbeit in Cortina von der in Sydney, Salt Lake City und Turin unterschieden?
Die Arbeitstage waren ähnlich lang, mit zum Teil 17 Stunden an der Bahn, aber der entscheidende Unterschied war, dass ich als Bahnsprecher keine persönliche und emotionale Distanz halten musste. Ich kenne die meisten Sportlerinnen und Sportler seit vielen Jahren. Ich habe mit ihnen gelitten, wenn es nicht gut lief und mich mit ihnen gefreut, wenn ihre Träume in Erfüllung gingen.

Was war die größte Herausforderung für Sie in Cortina?
Mindestens 14.000 Schritte jeden Tag rauf und runter zu gehen, denn meine Ferienwohnung, in der ich untergebracht war, befand sich am äußersten Rand von Cortina. Wenn die Spiele zwei Wochen länger gegangen wären, hätte ich mich für Skibergsteigen bewerben können.

Haben Sie einen Geheimtrick, um über eine so lange Zeit die Stimme frisch zu halten?
Viel trinken – aber keinen Alkohol, sondern Wasser und Tee. Und: viele Hustenbonbons lutschen. Die Stimme war meine größte Sorge im Vorfeld der Spiele, aber sie hat zum Glück problemlos durchgehalten.

Gab es einen Moment, in dem Sie körperlich gemerkt haben: Das hier ist Hochleistungssport – auch für mich? Träumen Sie inzwischen von Kurve 4? Und gab es einen Moment, in dem Sie sich gefragt haben: Warum tue ich mir das an?

Um ehrlich zu sein: Wenn ich irgendwann anfange, von Kurven zu träumen, muss ich den Job an den Nagel hängen. Warum ich mir das antue, habe ich mich durchaus mal gefragt, zum Beispiel bei einem 2,8 km langen Fußmarsch bergauf zur Ferienwohnung, nachts um 23 Uhr, bei Glätte, Schneetreiben und eisigem Wind, weil kein Taxi zu bekommen war.

Was bemerken Zuschauer kaum, Sie aber sofort?
Wenn ich sehe, wie die Sportler in die jeweilige Kurve fahren, weiß ich oft, wie sich das unmittelbar auswirkt, denn ich kommentiere schon seit 22 Jahren Kufensport an deutschen Kunsteisbahnen. Dort schaut traditionell ein sehr fachkundiges Publikum zu. Mein Vorteil ist: Ich beobachte die Läufe konzentrierter und versuche, auch kleinste Fehler zu erkennen.

Welche Kufensportlerin oder welcher Kufensportler hat Sie am meisten überrascht – und warum?
Skeletonpilotin Janine Flock aus Österreich. Natürlich weiß ich, wie gut sie ist, aber dass sie vier unglaublich konstante Läufe in die Bahn gezaubert hat und so Olympiasiegerin geworden ist, hat mich ebenso überrascht wie gefreut.

Welcher Lauf wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?
Es waren nicht die harten Bandeneinschläge oder die großen Fehler – es war die Leistung der deutschen Team-Staffel im Rodeln. Die sechs sind souveräner gefahren, als alle dies vermutet hätten, und am Ende hatten Tobias Wendl und Tobias Arlt ihre siebte Olympische Goldmedaille. Ein historischer Moment. Da habe auch ich Gänsehaut bekommen.

Gab es einen Moment, der Sie menschlich mehr berührt hat als sportlich?
Unendlich viele. Wer erwachsene Menschen weinen sehen will, muss zu den Olympischen Spielen fahren. Wenn einem Modellathleten wie Georg Fleischhauer bei der Nationalhymne die Tränen kommen, weiß man, was Olympia für diese meist jungen Menschen bedeutet. Nur auf Beerdigungen und beim Zwiebeln schneiden wird mehr geweint.

Verändert der ständige Blick auf Sieg und Scheitern Ihren eigenen Umgang mit Erfolg?
Ich sehe eher die Parallelen. Die Athletinnen und Athleten haben zu funktionieren. Es spielt keine Rolle, ob sie Liebeskummer, Zahnschmerzen oder schlecht geschlafen haben. Und genauso ist es, wenn ich vor ein Mikrofon oder auf eine Bühne trete. Wir sind völlig verschieden, aber von derselben Art. Wie Zirkuspferde. Wenn das Licht angeht, gibt es kein Zurück.

Nach dem letzten Zieleinlauf im Viererbob und der letzten Siegerehrung – was war stärker: Erleichterung oder Wehmut?

Lassen Sie mich mit einer Wortschöpfung antworten: Wehleichterung. Es war ein unglaubliches Erlebnis, aber auch sehr fordernd. Vermutlich kann ich die Frage erst mit ein paar Tagen Abstand und vielen Stunden Schlaf komplett beantworten.

Was nehmen Sie von diesen Spielen mit?
Muskelkater in den Beinen, eine völlig überteuerte Tasse aus dem Merchandise-Store und die Gewissheit, dass ich mit 57 Jahren noch immer drei Wochen am Stück durchknüppeln kann.

Worauf freuen Sie sich nach drei Wochen Italien am meisten?
Nicht sehr kreativ – aber auf meine Frau, meine Kinder, die Katzen und Rindsrouladen mit Spätzle und Blaukraut.

Würden Sie selbst einmal durch den Eiskanal rodeln?
Bin ich schon. Einmal gegen meine Frau – über das Ergebnis will ich nicht sprechen. Und einmal im Doppelsitzer, als Untermann von Patric Leitner, Olympiasieger und jetziger Bundestrainer. Die Rückenschmerzen danach waren weniger schmerzhaft als die Niederlage gegen meine Frau.

Warum sollte Deutschland den Mut haben, wieder Olympische Spiele auszurichten?
Weil Olympia etwas mit den Menschen macht. Als gebürtiger Münchner bin ich in einer Stadt groß geworden, die extrem von den Olympischen Spielen 1972 profitiert hat. Die European Championships 2022 haben gezeigt, dass München eine Sportstadt ist, die eine solche Veranstaltung lebt. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was rund um Olympische Spiele passiert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die Spiele deutschlandweit etwas bewegen können – egal, mit welcher Stadt man in die Bewerbung geht, auch wenn ich München natürlich bevorzugen würde. Vielleicht werden durch so ein Ereignis Kinder und Jugendliche auch auf
Sportarten aufmerksam, die sie sonst nie entdeckt hätten, und probieren sich im Verein aus.